…da ist doch was faul?!

Siglinde starrte vollkommen fassungslos hinab auf die halbe Zitrone in ihrer Hand:

Die kann ich doch nicht mehr für meinen Kuchen verwenden, so wie die aussieht. Dabei bekommen wir morgen Besuch! Hätte ich doch nicht so vorschnell meinen köstlichen Zitronenkuchen versprochen…was werden Herbert und Frida dann bloß von mir denken! Wie konnte mir das nur passieren!

Unruhig ging sie in der Küche auf und ab, immer noch die faule Zitrone in der Hand. Ein grunzendes Kichern drang aus dem Nebenzimmer und riss sie aus ihren Gedanken. Wütend warf sie die faule Zitrone in die Spüle und stampfte ins Wohnzimmer: „Meine Güte, Werner, jetzt beweg‘ dich doch endlich mal vom Sofa hoch!“, blaffte sie ihren Ehemann an.

Seine kleinen Augen, die noch ein wenig vom Lachen tränten, blickten milde überrascht zu ihr auf. „Seit Jahren erzählst du mir, du willst Sport machen und dann liegste abends doch wieder nur da und stopfst Chips in dich rein. Und dann jammerst du, dass du so dick bist, ich halts nicht mehr aus!-“ Während sie sprach, richtete sich Werner langsam auf und stellte den Fernseher auf lautlos. Er selbst blieb ebenfalls stumm, damit Siglinde erstmal möglichst viel Dampf ablassen konnte. Es hatte keinen Zweck sie jetzt zu unterbrechen.

„-… nicht mal die leere Tüte räumst du hinterher selber weg! Gehst gleich ins Bett und ich muss die sein, die sie wegräumt. Warum kann ich nicht auch Mal die Faule sein??“ Als Werner weiterhin schwieg, setzte sie bissig hinzu: „Ach ja, und falls es dich interessiert: Ich habe nur eine einzige Zitrone in der Küche und die ist auch noch faul. Meinen berüchtigten Kuchen kannst du morgen vergessen. Die Supermärkte sind ja auch alle schon zu, die sind da alle einfach zu faul zum Arbeiten! Hallo? Bist du noch da??“

Werner beschloss, dass es jetzt an der Zeit war etwas zu sagen. Er wusste aber noch nicht genau was und so begann er lahm: „Jaja, Siglinde… beruhige dich doch…..eine faule Zitrone ist doch kein Weltuntergang…“ Doch Siglinde ging sofort an die Decke: „War ja wieder klar, dass du nicht verstehst was das für mich bedeutet! Sitzt nur mit deinem faulen Arsch auf der Couch und vegetierst dahin!“ Wütend ging sie in die Küche und kam gleich darauf mit der faulen Zitrone zurück ins Wohnzimmer: „Schau dir das an, die ist zu nichts mehr zu gebrauchen! Und ich töne noch groß rum mit meinem Kuchen…“ Werner starrte trübe auf die faule Zitrone, die sie ihm unter die Nase hielt. Er wusste, er musste jetzt schnell eine zufriedenstellend betroffene Miene aufsetzen und eine gute Antwort parat haben, wenn er möglichst bald seine Ruhe haben wollte. Siglinde meckerte doch eigentlich auch nur an ihm herum, weil sie die Zitrone so ärgerte.

„Na, da hast du vollkommen Recht“, sagte er daher beruhigend und versuchte, einen verständnisvollen Blick aufzusetzen, „die kann man tatsächlich nicht mehr gebrauchen.“ Er überlegte kurz: „…aber hat nicht eventuell der Kiosk unten an der Ecke noch geöffnet? Der hat doch samstagabends immer bis spät auf…ich meine, die müssten dort auch Zitronen haben…“ Siglindes Miene hellte sich sofort auf: „Das ist wahr!“ Sie lächelte und atmete erleichtert. „Würdest du kurz runtergehen und eine holen? Oder besser gleich drei, nur so zur Vorsicht…“

Werner schluckte. Damit hatte er nicht gerechnet. „Achja“, fauchte Siglinde und schwoll gleich von Neuem an, „du liegst hier ja lieber tatenlos auf der faulen Haut, hab‘ ich ganz vergessen, entschuldigen Sie bitte, gnädigster Herr!“ Und sie stürmte aus dem Zimmer, nicht ohne ihm vorher die verfaulte Zitrone vor die Füße geworfen zu haben.

Ein paar Augenblicke verstrichen, in denen Werner einfach dastand. Dann zuckte er die Achseln, ließ sich aufs Sofa fallen und stellte den Ton des Fernsehers wieder an. Die Chipstüte knisterte als er sich erneut eine Handvoll herausfischte.